Okt14
2011

Alles schön rund – der Mercedes-Benz Ponton

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Geschrieben 14. Oktober 2011 von
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Im Jahre 1953 fand eine kleine Revolution im Automobilbau statt: der Mercedes-Benz Ponton wurde präsentiert. Der liebevoll „Ponton“ genannte Mercedes mit der knuffigen Karosserie war das erste Fahrzeug aus Stuttgart mit einer selbsttragenden Karosserie. Damit war der Wagen ein Wegbereiter des modernen Karosseriebaus. Auch die Motoren sorgten damals für Aufsehen: weniger durch Leistung als durch ihre beachtliche Langlebigkeit.

Der Mercedes-Benz Ponton symbolisiert die klassische Form eines Autos. Motorraum, Passagierabteil, Kofferraum und zwei Räder. Alles schön rund – das ist der Ponton. Ein Auto, knuffig, sympathisch, pur - ein Auto, zum gern haben.

Der Mercedes-Benz Ponton symbolisiert die klassische Form eines Autos. Motorraum, Passagierabteil, Kofferraum und zwei Räder. Alles schön rund – das ist der Ponton. Ein Auto, knuffig, sympathisch, pur - ein Auto, zum gern haben.

Der Ponton war ein kleiner Revolutionär. Er entsagte dem Leiterrahmen, langen Kotflügeln, seitlichen Trittbrettern, freistehenden Scheinwerfern, kurzem Heck und planen Scheiben. Er zettelte in Stuttgart den modernen Automobilbau an – in Gestalt eines Fahrzeugs, welches bei Mercedes erstmals eine selbsttragende Karosse besaß – also eine Blechzelle, die so steif ist, dass sie nicht mehr auf einem langen Kastenrahmen fixiert werden muss.

Die Konstruktion brachte einige nennenswerte Vorteile mit sich. Der Ponton bot gegenüber seinem Vorgängermodell (Baureihe W136) deutlich mehr Platz. In der Länge und in der Breite. Eine um rund 20 Prozent größere Kabine und rund 75 Prozent mehr Gepäckvolumen waren beachtliche Resultate der neuen Bauweise.

Einige recht konservative Mercedes-Benz Kunden reagierten manch zunächst etwas skeptisch auf den Ponton, denn die Form brachte auch eine Entsagung des bekannten Automobildesigns mit sich. Manche argumentierten gar, dass der Ponton ein wenig plump wirke.

„Ponton“-Hochzeit: Chassis und Karosserie einer Mercedes-Benz Limousine der Baureihe W 120 werden auf diesem 1953 aufgenommenen Bild in der Produktion vereint.

„Ponton“-Hochzeit: Chassis und Karosserie einer Mercedes-Benz Limousine der Baureihe W 120 werden auf diesem 1953 aufgenommenen Bild in der Produktion vereint.

Konstruktionstechnisch trug der Mercedes-Benz Ponton unter dem Blech trotzdem immer noch Rahmenteile, die für Versteifung sorgten. Eine kombinierte Rahmen-Bodengruppe war mit dem Karosserieaufbau verschweißt. Auch wenn die Sicherheitskarosserie mit Knautschzonen erst richtig in dem Nachfolgemodell W110, gemeinhin als Heckflosse bekannt, Einzug hielt, so zeigte die Ponton-Karosserie in Sachen Crashverhalten doch bereits erstaunliche Tugenden. Die Antriebseinheit wurde mit der Lenkung auf einem Fahrschemel montiert, der mit Fahrwerk und Karosse verbunden ist.

Aufgrund der durablen Vierzylinder-Motoren erwarben sich die Fahrzeuge der Baureihen W120 und W121 weltweit einen Ruf als sehr zuverlässige Automobile, die enorme Laufleistungen erreichten. Bei der Mille-Miglia trat sogar ein Mercedes-Benz Ponton 180 D in der Diesel-Klasse an und gewann 1955 in seiner Klasse – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 94,65 km/h! Kaum einer nahm davon jedoch von diesem Erfolg Notiz, weil Stirling Moss in eben diesem Jahr auf dem Mercedes-Benz 300 SLR einen grandiosen Gesamtsieg und Geschwindigkeitsrekord einfuhr – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h.

Ob Benziner oder Diesel – die Vierzylinder Ponton-Motoren sind wahre Arbeitstiere. Zunächst kommt bei den Benzinern ein 52 PS starker Motor aus dem 170 S zum Einsatz. Er ist zäh und solide. 1957 wird dann nur noch der 1,9 Liter Motor mit einer oben liegenden Nockenwelle verbaut. Leistung: immerhin 68 PS. Der Dieselmotor im 180 D stammt in seiner Grundform aus dem 170 D. Das Aggregat mit 1.767 ccm leistet 40 PS. Diese Motoren sind für Laufleistungen von mehreren 100.000 Kilometern bekannt, dabei in Verbrauch und Wartung erstaunlich genügsam und festigten so den Ruf der üblicherweise als laut und lahm bekannten Dieselaggregate.

Bestseller: „Ponton“-Limousinen stehen im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen 1953 bereit für ihre Auslieferung.

Bestseller: „Ponton“-Limousinen stehen im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen 1953 bereit für ihre Auslieferung.

Ein Mercedes-Benz Ponton ist auch heute noch eine unverkennbare Erscheinung. Der gotische Grill reckt sich erhaben in die Höhe, der Stern glänzt obendrauf. Nach einer knappen Vorglühminute startet der Ölmotor los und eine  staubig-schwarze Dieselwolke inszeniert diesen Startvorgang sichtbar. Das Aggregat „nagelt“ hörbar und dieser gewohnt verlässlichen Mercedes-Taxi-Klang erzeugt bei den Meisten sofort automobiles Grundvertrauen.

Die Sitze sind bequem wie gemütliche Clubsessel. Das Lenkrad aus Bakelit mit stattlichem Chromzierrat ist schön anzusehen. Alle Uhren und Schalter sind schön und sorgsam aufgereiht auf dem Armaturenbrett – gute deutsche Ordnung wie in einem schwäbischen Wohnzimmer. Die Rundumsicht aus der Ponton-Kanzel ist famos. In alle Richtungen gibt es reichlich Ausblick.

Ist man im Ponton 180 D unterwegs, dann begibt man sich auf eine kleine Zeitreise. Die vier Gänge lassen sich einfach über den Wählschalter an der Lenksäule einlegen. Geblinkt wird durch eine Drehung am inneren Lenkradkranz. Das Fahrerlebnis ist überraschend. Der erste Gang reicht zum Anrollen. Eine Wolke unverbranntes Öl entfleucht beim letzten Gangwechsel und ungefähr 65 Km/h. Sie hält den nachfolgenden Verkehr auf Abstand. Wobei, einen Ponton drängelt niemand.

Der Diesel schnurrt angenehm. Hat der Motor seine Betriebstemperatur erreicht, dann wärmt die Heizung aus dem Fußraum. Das simple Fahrwerk ist erstaunlich komfortabel und mit den langen Federwegen behält es selbst bei bösen Quer- und Längsfugen die Fassung. Zudem klappert und rappelt nichts. Allerdings verlangt das Fahrwerk auch eine stark gemäßigte Fahrweise. In zügig durchfahrenen Kurven neigt es zu deutlichem Übersteuern. Das Wagenheck drängt nach vorne, bei gleichzeitig beachtlicher Schräglage des gesamten Fahrzeugs. Das bremst ganz automatisch die Ambitionen und schont wiederum den Motor.

Der Mercedes-Benz Ponton 180 Diesel fährt problemlos von A nach B. Langsam, aber er kommt an. Es gibt ein Radio, ausreichend Platz für vier Personen, einen Kofferraum der seinen Namen wirklich verdient, Seitenfenster zum Herunterkurbeln und einige Pontons haben sogar ein großes Faltdach für Cabriolet-Flair.

Trendsetter: Der Mercedes-Benz 220 „Ponton“ auf dem Automobilsalon Genf 1954

Trendsetter: Der Mercedes-Benz 220 „Ponton“ auf dem Automobilsalon Genf 1954

Anlässlich des 125. Jubiläums des Automobils präsentierte Mercedes-Benz den Ponton auf der 26. Techno Classica als einen von 12 Meilensteinen des Automobils. Vieles, was nach dem Ponton kam, war zwar automobiler Fortschritt – aber keine automobile Revolution mehr.

Bei Mercedes-Benz ging es 1961 mit den Mittelklassemodellen der Baureihe W 110 weiter. Abgelöst wurden die Flossen dann 1968 von der sachlichen Strich-Acht Generation, die dem Barock schließlich gänzlich entsagte. Es folgten der letzte „klassische Mercedes“, der W123 und dann der vielleicht solideste Benz in Gestalt des W124. Danach die von Elektronik gezeichnete Neuzeit. Das Auto schlechthin aber – das ist der Ponton.

Auch heute noch wirkt der Ponton in seiner Art nicht nur sympathisch, sondern auch schlüssig und zeitlos. Gegenüber einem klassischen Oldtimer – in opulenter Gestalt von Vorkriegsfahrzeugen – wirkt der Ponton damit beinahe modern. Bemerkenswert: heute entdeckt man an der aktuellen E-Klasse der Baureihe W212 im Bereich der hinteren Radhäuser wieder Stilmerkmale des Pontons.

"Ponton-Mercedes" Typ 190 D, 1958 - 1959

"Ponton-Mercedes" Typ 190 D, 1958 - 1959

Fotos: Daimler AG

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Geschrieben von Maik Jürß
Erschienen am Freitag, den 14. Oktober 2011 um 11:45 Uhr  |  8.184 Besuche

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